Donnerstag, 10. April 2014

Wozu das Ganze überhaupt?

Nichts: Was im Leben wichtig ist 
Janne Teller 
Deutscher Taschenbuch Verlag 
 Deutsche Erstausgabe 2010 
6,95 € 

"Das Gehirn und die DNA von Schimpansen sind fast identisch mit unseren", hatte er gestern gerufen und sich in die Äste des Pflaumenbaumes geschwungen. "Menschsein ist überhaupt nichts Besonderes!" Und an diesem Morgen hatte er gesagt: "Es gibt sechs Milliarden Menschen auf der Erde. Das sind zu viele, aber im Jahr 2025 werden es achteinhalb Milliarden sein. Das Beste, was wir für die Zukunft der Erde tun können, ist sterben!"

Der, der diese Weisheiten altklug unter seinen Schulkameraden verbreitet, heißt Pierre Anthon und hat eines Tages beschlossen, nicht länger in die Schule zu gehen, sondern lieber von seinem Platz im Pflaumenbaum aus, über das Leben zu urteilen, denn nichts ist von Bedeutung. Wozu also zur Schule gehen, leben, lieben, kämpfen, leiden? Das Beste, was man tun kann, ist sterben! Eines sei schon vorab gesagt: In diesem Buch gibt es Tote, oh ja. Und einen Haufen 13-Jährige, die auf der Suche nach Sinn und Wahrheit erst fanatisch und dann wahnsinnig werden. Das Experiment beginnt ganz harmlos: Pierre Anthons Schulkameraden, allesamt gut erzogen, zivilisiert und gesellschaftskonform, beschließen, ihrem Mitschüler zu beweisen, dass es durchaus Dinge im Leben gibt, die wichtig sind und von Bedeutung sind: Da gibt es die alte Lieblingspuppe, den heißgeliebten Perlmuttkamm, die Beatles-Kassette, Bücher, Porzellanhunde, Laufschuhe ... lauter Dinge, die Menschen eben so am Herzen liegen. Dann aber eskaliert das Projekt und der "Berg aus Bedeutung" wächst auf eine gesunde Art und Weise: Da wird der Sarg des verstorbenen Bruders ausgebuddelt, das Haustier abgegeben oder getötet und auch der Finger, der gerne über eine Gitarre streicht, muss dran glauben. Als alles auffliegt, wird der "Berg aus Bedeutung", der zunächst einen Eklat darstellt, weltbekannt und noch dazu wertvoll: Für 3,6 Millionen wird er an ein amerikansiches Museum verkauft. Grund genug dafür, dass Pierre Anthon voller Hohn (und zurecht) klarstellt: "Die Bedeutung, ha!" Pierre Anthon lachte höhnisch. "Falls dieser Misthaufen jemals etwas bedeutet hat, war damit an dem Tag Schluss, als ihr dafür eine Bezahlung angenommen habt." 

Zwar stellt "Nichts" nicht unbedingt ein Buch dar, bei dem man mitfiebert, dennoch möchte ich das Ende für all jene, die es noch lesen möchten, nicht vorwegnehmen. Ich muss ehrlich gestehen, dass es drei Jahre halbgelesen bei mir im Regal herumstand. Beim Aufräumen fiel es mir heute in die Hände und ich habe mich zu dazu durchgerungen, es zu beenden. Im Vorfeld wurde ich schon sehr beeinflusst von vielen unterschiedlichen Meinungen. Als das Buch 2000 in Dänemark veröffentlicht wurde, löste es bereits eine Kontroverse aus, 2012 verlief das in Deutschland nicht anders. Eigentlich, so muss man ja sagen, ist die Grundidee Tellers ja gar nicht so übel. In diesem Jugendbuch bespricht sie nicht nur die existenzielle Frage nach Bedeutung und einem grundsätzlichen Sinn des Lebens, sie hinterfragt auch die Menschlichkeit und deren Bedingungen. "Nichts" wirft Fragen auf, die man sich als Erwachsener im Alltag, im Wettlauf mit der Zeit, nicht jeden Tag stellt, aber für Jugendliche durchaus ein Thema sein kann. Wozu das Ganze, wenn wir in höchstens 80 Jahren doch unter der Erde liegen und die Würmer an uns knabbern? Pierre Anthon fungiert hierbei im Buch als die Personifizierung fundamentaler Zweifel eines jeden Menschen. Jeder hat einen kleinen Pierre Anthon im Kopf, der auf ungesunde, non-konforme Art und Weise Dinge hinterfragt, auf die es keine klare Antwort gibt. Grundsätzlich bin ich also mit Tellers "Idee", ihrem "Thema", einverstanden. 

Es gibt aber einige Dinge, die mich bei der Umsetzung dieser Idee wirklich entschieden stören. Die Kinder häufen also einen "Berg aus Bedeutung" an. Bei Janne Teller verlieren sie dabei ihre Menschlichkeit, verlieren jeden Skrupell und auch jeden Bezug zu diesem "Konformismus", wie Teller das nennt, was sozialisierte Erwachsene praktizieren. Sie verlieren den Bezug zur Gesellschaft. Heißt das, Sinnsuche lässt sich nur außerhalb der Gesellschaft betreiben? Ist es zwingend nötig, von einem Mädchen die Unschuld, von einem Jungen den Finger einzufordern, ist die Aufgabe von Menschlichkeit nötig? Das ist das, was mir an der Seite der Sinnsuchenden nicht gefällt. Auf der anderen Seite gefallen mir auch Pierre Anthons Antworten nicht, die absolut nihilistisch daherkommen. Beim Lesen des Buches war mir daher nie völlig klar, worum es eigentlich im Kern geht. Möchte Frau Teller Lebensfreude im Keim ersticken? Wie soll man so das Leben bestreiten? Nein, das wollte sie offenbar nicht. In einem Interview sagte sie:
"Das, was Pierre Anthon und seine Mitschüler tun, um welchen Preis auch immer, ist es doch, die Frage "Hat das Leben überhaupt einen Sinn" in die Frage umzuformen, welchen Sinn es haben sollte." Ehrlich gesagt fällt einem diese Umformung der existenziellen Fragen ein wenig schwer, wenn da ein Pierre Anthon existiert, der auf 140 Seiten immer wieder sagt: "Wenn nichts irgendetwas bedeutet, gibt es nichts, um darauf wütend zu sein! Und wenn es nichts gibt, um darauf wütend zu sein, gibt es auch nichts, um sich deshalb zu prügeln!" Diese Antworten gibt er bis zum Schluss und es gibt nichts, was ihn vom Gegenteil überzeugen könnte. Die Frage, welchen Sinn das Leben haben sollte, stellt sich dem Leser da nie wirklich, wird der Sinn selbst doch so konsequent infrage gestellt und eigentlich schließlich auch negiert.

Für das Ende schließlich kann und soll jeder seine eigene Interpretation finden, da möchte ich auch nichts weiter zu schreiben. Mir hat das jedenfalls weniger Antworten noch Hoffnung beschert - der Ansatz war toll, stellt das Thema doch ein bisschen so etwas wie ein Tabu dar, doch bei der Umsetzung und vor allem bei dem Ende haperte es für mich doch gewaltig. Vielleicht ist mir auch etwas Wichtiges entgangen, wenn dem so ist, freue ich mich über Anmerkungen. Vorerst muss ich aber sagen, dass das Buch für mich keine Bereicherung darstellt, was es als "Parabel" aber hätte sein sollen.







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